Wenn einer eine Reise macht, dann will er was erleben.
blind virtual interested passenger
Den Abfahrtstag terminierte ich mir so eng, daß es theoretisch nur zum hinterher winken reicht. Wohlwissend. Bin ich doch kein Abschiedsmensch. Dennoch fiel ich in die letzten Vorbereitungen des Säckerlschnürens und die Abfahrt des L.O.S.T.'s verzögerte sich, zu meinem (Fernweh)leiden, um quälende Stunden. Und dann geht es los, und ich reise mit, in der wohl ältesten Reisegemeinschaft seit Tsai-Lun das Papyrus erfand – mit dem Finger auf der Landkarte. Neidisch, selbstverständlich. Virtual ist nun mal nicht real. Es geht los und ist auch gleich fürs erste beendet. Unterhalb der Brühlschen Terrassen im Großstadtdschungel zwischen Frauenkirche, Semperoper, Tabakfabrik Yenidze und Molkerei Gebrüder Pfund ist erster Halt. Verspätet, trotzdem da. Die Sammelstelle für Reisewillige ohne Hang zum Pauschaltourismus steht vermutlich in keinem Reiseführer, noch. Meine Kragenweite. Herzblut, Brustschmerz, während sich die Meute in Bewegung setzt. Teilstück einer Offroadbande, die sich auf der Strecke weiter blähen wird, zu einer Rallyegemeinschaft mit Hilfscharakter. So'n Quatsch. Stimmt aber. Der Weg ist das Ziel, beim Wort genommen - fast. Er ist ein Ziel, das zweite Hilfsbereitschaft. Klingt banal? Wenn man den Begriff in Bereitschaft zur Hilfe seziert, nimmt man ihm wenigstens die lappige Alltäglichkeit. Klar ist jeder bereit, aber wer hilft? Samariter auf klapprigen Eisenrössern, unterwegs der Menschheit Menschlichkeit zu zeugen. Aktiv, nicht als Stand-by-Bereitschaft(szeit). In einer Epoche, wo alles zu Viel und nichts zu Wenig wandert, gibt es noch einen Abenteuerspielplatz, der Abgeben favorisiert und Gasgeben nicht außen vor lässt. Rechts der Strecke versucht gerade Hans von Jene nach einer Kugel zu schnappen, ohne dabei entdeckt zu werden. Die Meute zieht vorbei an Festung Marienberg und Fächerstadt Karlsruhe in ein kleines unbekanntes Nest namens Hohberg, um vollzutanken, auszuschlafen und mit erhöhter Potenz durch Zuladung weiterer Gesinnungsgefährten nach Bordeaux zu brausen. Das Traubensaftland wird von den Abstinenzlern überrollt, keine Kathedrale Notre-Dame, die Loire überflogen, Bordeaux kreuzgefingert verfehlt, landen die Kulturbanausen am Golf von Biskaya. Kein Platz für Plätze zum Sehen, bevor man stirbt. Ist das Sterbevorsorge? Wer will schon sterben. In einer Autobahnpenne hinter der Rotweinmetropole wird genächtigt. Hoffentlich schlafen die Füße ein, die müssen ja morgen wieder hellwach sein. Gas, Kupplung, manchmal Bremse. Die nächste Route folgt gegen meinen ausdrücklichen Rat über Nordspanien. Baskenland - Verzicht am Wegesrand. Kein Barcelona, Valencia oder Elche. Diesel & Dust heißt das Motto. Weder Guggenheim in Bilbao noch baskische Gaumenfreude par exellence in San Sebastián stehen auf dem Rallyeplan. Madrid wird durchritten, ich nehme es ihnen übel. Mein geliebtes Madrid. Reifenpanne, g'schatt euch recht, das habt Ihr nun davon. Die Ortsunfühligkeit kommt noch schlimmer – die Alhambra umfahren, die Alhambra!, dran vorbei gefahren! – mein Herz tränt, jetzt sterbe ich statt der Banausen, Kuruzen und Labanzen des Neotourismus. „Nichts im Leben ist grausamer, als blind in Granada zu sein“ – weissagt eine Inschrift der Alhambra. Über Marbella und Estepona nähert sich die Abgasbande Gibraltar, mehr auch nicht – es lockt der fischerne Gestank Puerto de Algeciras. Reisende sollen sich nicht aufhalten lassen. Müssen sie wohl, die Meerenge behandelt Diesel-Staub-Junkies nicht bevorzugt. Endlich ein weltliches Gefüge, daß sich der verschworenen Blechgemeinschaft hartnäckig entgegen stellt. Erfolgreich. Kurzfristig. Die Wogen treiben das fahrende Volk Tags darauf auf den schwarzen Kontinent. Wie sie scharren an Deck. Kindsköpfig plärren vermutlich die Motoren und der Gummi kratzt sehnsüchtig den Boden. Sie nähern sich dem Staub, die Dieselfreak's. Keine Hassan-II.-Moschee in Casablanca, kein Strand von Essaouira – soll sowieso kein Geheimtip mehr sein, kein Heiratsmarkt in Imilchil (Birgit ist ja gut versorgt. Aber haben die anderen Mädels Angst dem Junge auf dem weißen Pferd zu begegnen?), statt dessen: Riad Lahboul. Larache – Meknès – Marrakesch. Riad Lahboul? Da haben sie mir aber eine Nuß gegeben, danke. Von wegen Djemaa el-Fna oder Yacout. Benzin alle, Bremse defekt, oder nicht gefunden? Geschlafen wird auf dem Campingplatz, nicht etwa im La Mamounia. Den Atlas bezwungen, liegt ihnen der Staub zu Füßen. Demokratische Republik Westsahara. Sahara! Dünen, Sonne, Sand, Sonne, Wind, Sand, Wind, Sonne, Dünen, Sand, Dünen, Atlantischer Ozean, wohin das Auge schaut. Wohnt da überhaupt jemand? Die großen Kinder packen ihr Spielzeug aus. Prompt wird das Problem erkannt. Es war also doch die Bremse. Das Umfeld lässt sich potenzieren. Mauretanische Wüste. Das ist Sahara2. Nehme ich an. Kenn mich in der Ecke auch (noch) nicht aus. Sie tauchen ab. Wollen wohl ungestört unter ihresgleichen sein. Kein Bote, kein Brief, kein Telefon. Nicht mit mir. Ich häng ihnen näher an den Fersen, als sie es glauben mögen. Die Kinder spielen im Sand und niemand soll es sehen. Ob sie zwischendurch einmal in diesen prächtigen Sternenhimmel geschaut haben? Ich lass sie spielen. Solang sie artig sind, braucht man nur ab und an nach ihnen zu schauen. Wenn nur diese Ruhe nicht wäre. Nach Tagen oute ich mich. „Nouakchott voraus, nur noch ein bissl grade Piste, dann wünsch ich Euch einen erholsamen Feierabend.“ Die Antwort ist klar, vorhersehbar, bestätigend "Wir fahren gerade ein". Was bleibt ihnen, erwischt, auch anderes übrig. Jetzt sehen sie, daß ich sie sehe, egal. Ein Streckenhighlight gibt es da noch. Den rosanen See. Aber wie gewohnt, biegen die Offroadkutschen anders ab. An der Brücke über den Saloum kommen sie zum stehen. Das Energieaggregat steigt aus. Es hat bestimmt die Nase voll, von soviel touristischem Frevel an beschaulichen Orten dieser Welt. Ein kurzer Stop an der letzten Border, dann sind sie dem Ziel greifbar nahe, Essau-Barra. Die Fähre setzt sich in Bewegung. Ankunft Banjul, berichtet mir ein Satelles. 01:06 MEZ bimmelt das Telefon und bestätigt mir, was ich längst gesehen habe. Und? Was nun? Es folgt der zweite Teil der Reise – die Hilfeleistung. Die Attitüde der Rallye. Die viele unterstützt haben, die nicht dabei waren. Sie ist also doch nicht so schlecht besohlt, die Hilfsbereitschaft. Na gut, ich unterstützte vielmehr den ersten Teil. Aber ohne den, wäre der zweite wohl auch recht vage. Rede ich mir erfolgreich ein. Spenden sehen doch sowieso nur den Bestimmungsort, wenn man sie dort selbst abgibt. Sagt der Volksmund, leider. Ich bin gespannt, auf diesen zweiten Part, für den es sich lohnte, dem Weg treu zu bleiben und den lockenden Rufen touristischer Sirenen zu widerstehen. Und es wird Tränchen geben, vermute ich, wenn die rollenden Blechschüsseln abgegeben werden müssen. Schade. Einige Teams hatte ich fest in mein Herz geschlossen, wie z.B. den gepardenen Citroen oder den Hans guck in die Luft vom Hafen Algeciras. Meine virtuelle Welt kann ich zusammenfalten. Seit Tagesbeginn bin ich arbeitslos, ausgeschlossen, abgehängt, der Finger blutig, die Karte zerrieben. Neidisch, selbstverständlich. Ich will auch weg. Reisen! Am liebsten gleich morgen – mit der Diesel & Dust Rallye von Dresden nach Banjul. Eine Ralley mit hilfreichem Ziel - kein Pauschalstädtetourismus. Abenteuer, individual. Selbst für den Anschluss sind die Pläne längst gezeichnet. Wie wäre es mit Timbuktu? Der märchenhaft klingende Ort ist von Banjul nur eine Dieselfüllung entfernt, Staub inklusive. Oder Groß Friedrichsburg, unsere einstige Brandenburger Kolonie. Zu verteilen gibt’s da bestimmt auch was.
Ich wünsch allen noch viel Spaß, Erfolg in ihrer guten Tat, ein paar erholsame Tage sowie eine gute Heimkehr. Ich freue mich, neidisch - selbstverständlich, auf Abende füllende akustisch visuelle Berichte. Denn ich glaube, sie haben mir bisher alles verschwiegen. Ob sie sich, im Rausch der vorbeiziehenden Panoramen und Entdeckungsmöglichkeiten, in ihren Blechkäfigen auch mal gezankt haben? Fahr nach links! Bremse! Sag bloß, Du hast das Werkzeug vergessen! Wo sind die Kinder? Kannst Du nicht mal eine Karte lesen? Fahr nicht so schnell! Was wollen wir hier? Siehste, ich hab Dir gleich gesagt, da kommt keine Tanke mehr... Sie werden es hoffentlich nie erzählen. Nur wer eine Reise macht, der kann sie erleben!
Steffen II
Dresden-Dakar-Banjul - L. O. S. T. on Tour







